Antonina Krezdorn und Stephanie Marchal

EDITORIAL: KUNSTKRITISCHE PRAKTIKEN DES 20. JAHRHUNDERTS

WILHELM HAUSENSTEIN, CARL EINSTEIN, CLEMENT GREENBERG, LUCY LIPPARD UND ROSALIND KRAUSS

Abb. 1: Ad Reinhardt: How to look at a Cubist Painting, Karikatur, 1949, © 2019 VG Bild-Kunst, Bonn.

„Im Selbstverständnis der westlichen Moderne gilt Kritik als das entscheidende Mittel jeder Veränderung. Nur wenn etwas kritisiert wird, kann es in seiner historischen und sozialen Kontingenz oder Konstruiertheit verstanden und damit auch verändert werden. Die historischen und sozialen Bedingungen werden hier zunehmend mit der Vorspiegelung falscher Tatsachen und einer problematischen Anmaßung von Autorität und Herrschaft in Zusammenhang gebracht. Demgegenüber beschwört man seit langem den willentlichen Gebrauch des je eigenen Verstandes und den Mut, diesen auch öffentlich einzusetzen, als bedingungslose Voraussetzung, sich den dominanten Regimen von Unwahrheit und Ungerechtigkeit zu widersetzen und den blockierten Status der gegebenen Verhältnisse auf eine ungeschriebene Zukunft hin zu öffnen.“[1] Diese Zeilen Helmut Draxlers machen das Potential von Kritik nachdrücklich deutlich: Kritik ist gleichursprünglich mit moderner Kultur und grundlegendes Instrument moderner Selbstverständigung. Auf Kunstkritik trifft dies in besonderem Maße zu: sie thematisiert gleichermaßen die sinnlich-reflexive Begegnung eines Betrachters mit einem Gegenstand und mit sich selbst, als wahrnehmendem und reflektierendem Subjekt. Kunstkritik wirkt also subjektkonstituierend und zugleich zeigt sich in ihr, wie Kritik ihren Gegenstand im Akt des Kritisierens erst herstellt. Zudem ist Kunstkritik zutiefst verwoben mit gesellschaftlichen, institutionellen und medialen Strukturen. Der Bedeutung des Phänomens steht die Forschungslage diametral entgegen: Genese, Geschichte und Verfahren der Kunstkritik sind erst in Ansätzen bearbeitet. Der derzeit allgegenwärtigen Rede von einer „Krise“ der Kunstkritik fehlt es an einer grundlegenden Analyse der Gattung und ihrer Aufgaben.

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[1] Draxler, Helmut: Warum Kunstkritik?, in: Müller, Pablo und Ines Kleesattel (Hg.): The Future is Unwritten. Position und Politik kunstkritischer Praxis, Zürich 2018, S. 51–60, hier S. 52f.