Flucht und Migration als Thema der zeitgenössischen Kunst

Editorial zur Ausgabe 1.2017

Änne Söll

Schleuserfahrzeuge, Serie, 2015, © Rudolf Klaffenböck 2017, beide Fotografien: Rudolf Klaffenböck

Schleuserfahrzeuge, Serie, 2015, © Rudolf Klaffenböck 2017, beide Fotografien: Rudolf Klaffenböck

Im neu gegründeten Online Journal GA2 haben sich Studierende des Kunstgeschichtlichen Instituts dem Phänomen der Flucht und Migration gewidmet. Mit ihren Analysen wollen sie eine Diskussion eröffnen, die sich sowohl um künstlerische Positionen, aber auch um politische und gesellschaftliche Fragen im Umgang mit Massenmigration dreht. Wir hoffen damit zu einer Diskussion um die Bilder von Flucht und Migration beizutragen und mediale Stereotypen dessen zu hinterfragen. Wie wird sich unsere Gesellschaft verändern? Und welche Vorschläge, Utopien und Visionen entwickeln in dieser Hinsicht die Künstlerinnen und Künstler? Schließlich geht es in letzter Konsequenz darum, wie wir, mit den Worten Hannah Arendts „das Zusammen- und Miteinander-Sein der Verschiedenen“ gestaltet wollen und wie wir uns „einer Welt öffnen, die sich von unserer unterscheidet, wie wir also die Welt teilen, ohne die Andersheit der Anderen auszulöschen (...).“ [1]

Im Januar 2016 publizierte das Magazin der Süddeutschen Zeitung eine Fotostrecke des Fotografen, Kabarettisten und Dokumentarfilmers Rudolf Klaffenböck. Klaffenböck fotografierte das Innere der nach der Flucht hinterlassenen und von der Polizei beschlagnahmten Schleuserautos. Er präsentiert uns dabei einen Blick ins „Innere“ der Migration, der die Betrachter_innen jedoch praktisch ins „Leere“ schauen lässt. Die Menschen, die sich in diesen Lastwagen befanden, sind mittlerweile auf Flüchtlingsunterkünfte verteilt; nur ihre „Hinterlassenschaften“, d. h. Kleidungsstücke oder Wasserkanister zeugen noch von ihrer Flucht. Diese banalen „Reste“ der Flucht sind damit Träger von uns kaum nachzuvollziehenden Gefühlen von Angst und Verzweiflung. Doch gerade die Abwesenheit der Menschen ermöglicht es, über den Fluchtweg und über die Situation der Geflüchteten zu reflektieren. Es ist nämlich dezidiert unser Blick, unsere Perspektive, der bzw. die hier thematisiert wird und eben nicht die Schicksale der Geflüchteten. Denn dieser vermeintliche Blick in das leere „Innere“ der Flucht fordert uns heraus, unser „Bild“, das wir von den Geflüchteten und vom Phänomen der Flucht und Migration haben, zu hinterfragen.


[1] Sabine Hark/Paula-Irene Villa (Hg.), „Eine Frage an und für unsere Zeit“. Verstörende Gender Studies und symptomatische Missverständnisse“, in: dies., Anti-Genderismus. Sexualitat und Geschlecht als Schauplatz aktueller Auseinandersetzungen, Bielefeld 2015, 15-40, hier 35.